Atmen ist Leben

Frau, beide Arme gen Himmel streckend
Foto: Gudrun Petersen

Der Atem ist viel mehr als nur Luft holen. Mit dem Atem versorgen wir den Körper nicht nur mit neuem Sauerstoff, sondern auch mit Energie. Deshalb spricht man im Yoga auch von Prana (Lebensenergie). Mit dem Ausatmen befreien wir uns von Spannungen, Giftstoffen und können sogar Schmerzen wegatmen. Der Atem kommt und geht, unaufhörlich, Atem ist gleich Leben: Ich atme, also bin ich.

Meine Geschichte mit dem Atem

Bereits vor 40 Jahren bekam ich Atemprobleme. Ständig hatte ich Luftnot, ohne körperliche Einschränkungen zu haben. Meine Ärztin reagierte damals lapidar: Um das Atmen bräuchte ich mir keine Sorgen zu machen, es geschähe ganz von allein, ich würde schon nicht ersticken. Das hat mir in keinster Weise geholfen, die Luftnot blieb und ich fühlte mich eher noch schlechter ob meiner Unfähigkeit, so einem einfachen selbstverständlichen Vorgang nicht gewachsen zu sein.
Diese Atemnot hat mich die folgenden Jahrzehnte immer wieder begleitet und lange konnte mir niemand helfen.

Erst mit meinem Burnout wurde es ernster genommen und ich wurde einer gründlichen physischen Diagnose unterzogen, mit dem Ergebnis: Organisch ist alles bestens.
Ja, und jetzt? Ich musste nur ans Atmen denken und schon verkrampfte sich alles und es fiel mir schwer, schnappte ständig nach Luft, fühlte mich unterversorgt. Das hat meine Lebensqualität enorm gemindert.

Die erste, die mir wirklich Erleichterung verschaffte, war eine befreundete Physiotherapeutin. Sie stellte fest, dass mein Zwerchfell vollkommen verkrampfte und gab mir Tipps, wie ich es lockern könnte. Das war sehr erleichternd und erste Hilfe für mich. Doch erst als mich auf den Weg der Persönlichkeitsentwicklung begab und mich mit meiner Psyche befasste, fand ich Erklärungen.

Wie ich atme, so lebe ich?

Frau mit über den Kopf erhobenen Händen, die sich an den Fingern berühren. Vor strahlend blauem Himmel.
Über den Atem Blockaden überwinden
Foto: Gudrun Petersen

Oder umgekehrt? Wie ich lebe, so atme ich?
Auf jeden Fall wurde mir klar, dass es da einen direkten Zusammenhang gibt zwischen meinem Atem und dem, was mir gerade im Leben widerfährt.

Das kennt bestimmt jeder: Bei einem großen Schrecken neigen wir dazu, den Atem anzuhalten bzw. nur noch sehr flach zu atmen. Das erleben wir auch, wenn’s im Kino besonders spannend wird.
Ist dir aufgefallen, dass du ebenfalls aufhörst zu atmen, wenn du dich besonders anstrengst? Wir versuchen dann den Druck zu verstärken, indem wir Anspannung in unseren Bauch- und Brustraum bringen. Nicht umsonst wird man in den Yoga-, Pilates- oder Gymnastikkursen immer wieder daran erinnert, den Atem weiter fließen zu lassen.
Bei psychischer Erregung beschleunigt sich der Atem, die einzelnen Atemzüge werden kürzer. In depressiven Phasen atmen wir flacher und beziehen unseren Bauch kaum noch in den Vorgang des Luftholens mit ein.

Meine Schwierigkeiten beim Atmen und das Gefühl, nie genug Sauerstoff in die Lungen zu bekommen, waren nicht kontinuierlich da, tauchten aber immer wieder in schöner Regelmäßigkeit auf und setzten sich dann für einige Wochen oder auch Monate fest. Nach jahrzehntelangem Leben mit Atemproblemen, traute ich mich in meinen Ruhephasen nicht, mich näher mit dem Atmen zu befassen. Kaum lenkte ich meine Aufmerksamkeit darauf, verkrampfte sich mein Zwerchfell und die Atemnot war wieder da. Bis ich durch die Beschäftigung mit Achtsamkeit und Meditation nicht mehr drumrum kam, mich meinem Atem zu widmen.

Mir wurde der Zusammenhang zwischen meiner verstopften Lebensenergie, meinen Blockaden und meinem Atem immer bewusster. Schon lange hatte ich mich in meinem Lebensentwurf stark eingeengt. Es fühlte sich für mich jahrelang so an, als lägen Ketten um mein Herz, meine Brust. Kein Wunder, dass meine Atmung nicht mehr funktionierte. Tag für Tag war ich sehr großem Stress ausgesetzt, fühlte mich hilflos und ausgeliefert, hatte keinen Plan, wie ich diesen Anforderungen entkommen könnte. Jeder Tag erschien mir wie ein Berg, den ich zu erklimmen hätte. Doch kaum oben angekommen, erhob sich der nächste Gipfel, ohne Hoffnung, dass es auch mal wieder leicht sein könnte!

Ich erinnere mich, dass ich mir wünschte im Fluss zu sein. So sehr sehnte ich mich nach Leichtigkeit, die irgendwo auf der Strecke geblieben war! Wen überrascht es da, dass auch mein Atem stockte?

Der Atem ist das Tor, das uns mit allem verbindet

Bemerken wir, dass irgendein Bereich unseres Lebens, unseres Seins nicht richtig funktioniert, geraten wir häufig ins Grübeln! Dieses Wort ist sehr treffend, steckt doch die Bedeutung „Grube“ darin. Beim Grübeln versinken wir immer mehr in einem Loch. Wir verstricken uns immer mehr in unseren Gedanken, in uns, ohne uns für die Möglichkeiten, die uns angeboten werden, zu öffnen.

Mit dem Atem aber kann man das durchbrechen. Der Atem ist ein ewiger Rhythmus, wie Ebbe und Flut! Er verbindet uns mit dem Leben, ermöglicht uns dieses erst. Konzentrieren wir uns auf den Atem, stoppen wir das ewige Gedankenkarussell und befinden uns – was für eine Wohltat – ganz im Hier und Jetzt. Unser Atem lässt uns zur Ruhe kommen. Er schafft uns Erholung, Muße und Erfrischung. Was für ein Segen!

Unsere Gedanken begleiten uns den ganzen Tag, mitunter kreisen sie immer und immer wieder um dasselbe Thema und graben regelrechte Gänge (Gedankengänge) in unser Hirn. Wollen wir uns aber aus einer Krise befreien, so muss es zu einer Veränderung kommen.

Erst wenn wir das Gedankenkarussell stoppen, können sich unsere Inspiration und Intuition zu Wort melden. Beide sind immer da, aber werden von unserem Verstand sehr häufig verdrängt. Der Atem holt sie wieder hervor und verhilft uns somit zu neuen Lösungswegen.

Der Atem bringt uns in Bewegung, ohne die eine Veränderung unmöglich ist.

Atem – Lebensenergie und Seele

Frau mit dem Rücken an einem Baum, den sie mit beiden Armen nach hinten umfasst, Augen geschlossen
Mit dem Atem spüren
Foto: Gudrun Petersen

Seit ich mich intensiv mit dem Atem befasse, habe ich einige Erkenntnisse gewonnen, die ich gern mit dir teilen möchte. Viele Informationen habe ich dabei aus dem Buch von Annamaria Wadulla; „Bewusst Atmen – besser Leben“ entnommen, das bereits 1980 erschienen ist.

Egal, ob bei den alten Griechen, den Ägyptern oder den Indern – in allen alten Hochkulturen kam dem Atem eine besondere Bedeutung zu. So spricht man im Hinduismus von Prana – der Lebensenergie. Prana ist das Sanskrit-Wort für die kosmische Energie, die die Essenz unserer Existenz ist. Yoga, Ayurveda, Tantra sowie die Traditionelle Chinesische Medizin haben die gleiche Prana-Definition.
Die yogischen Atemübungen – Pranayama stellen einen wesentlichen Teil des Yoga dar. Sie dienen der Zusammenführung von Körper und Geist.
Ein weiteres Sanskrit-Wort ist Atman bzw. Atma (Lebenshauch, Atem), wobei mit diesem Begriff die Seele gemeint ist. Mit dem ersten Atemzug betritt unsere Seele unseren Körper und verlässt sie mit unserem letzten Atemhauch.
In der chinesischen Philosophie ist die Prana-Energie als Chi bekannt.

Denken und Fühlen in Einklang bringen

Frau stilisiert, vor wolkigem Himmel im Yogasitz, von hinten
Die Kontrolle über den Geist erlangen

In den letzten Jahren wird immer mehr Menschen bewusst, dass uns das Denken allein nicht weiter bringt. Selbstverständlich möchte ich an dieser Stelle die Rolle unseres Verstandes nicht herunterspielen. Aber um vollständig am Leben teilhaben zu können, braucht es eine Ausgewogenheit von Denken und Fühlen.
Denken fordert immer den Verstand und damit Beweise. Es analysiert, bewertet, vergleicht und steht sowohl der Intuition als auch der Inspiration entgegen.
Intuition und Inspiration sind Eingebungen, die von unseren Gefühlen herrühren. Sie können in der Regel nicht logisch begründet werden und sind verstandesmäßig nicht zu begreifen.

Wollen wir die Erde und die Natur erhalten, was in diesen Zeiten immer drängender wird, müssen wir uns als ein Teil dieses Universums begreifen und die Schönheit der Natur in uns aufnehmen, mit allen Sinnen und unseren Gefühlen! Kopflastiges Verstandesdenken bringt uns nicht weiter. Erst wenn wir das Wunder der Natur fühlen und ganz in uns erfassen und uns als einen Teil dieses Großen und Ganzen erkennen, wird der Schutz und die Bewahrung der Natur zu einem tiefen Bedürfnis.

Darüber hinaus kann eine Vorherrschaft des Denkens in die Isolation treiben. In der Regel geben die Betroffenen die Schuld daran ihrer Umgebung. Sie beklagen sich über ihre Einsamkeit, ohne zu erkennen, dass sie diese mittels ihrer lebensfeindlichen Gedanken selbst geschaffen haben. Das bewusste Atmen bietet einen Ausweg aus dieser Isolation.

Wenn wir atmen, ernähren wir unsere Seele. Sie gehorcht anderen Gesetzen als unser Denken und braucht deshalb andere Nahrung. Haben wir unsere Seele durch vertieftes Atmen gestärkt, dann tritt einseitig betontes, irdisches Denken zurück. Das erspart uns Ärger, Konkurrenzkampf, Nützlichkeitsdenken, Lebensangst und Todesangst. Unser irdisches Dasein beginnt mit unserem ersten Atemzug und es endet mit unserem letzten Atemzug. Damit bildet der Atem das Band zwischen dem Diesseits und dem Jenseits.

Falsches Atmen, falsches Leben

Frau beim Atmen mit den Händen gekreuzt auf ihrer Brust, Bach im Hintergrund
Richtiges Atmen erfordert einen aufrechten Körper

Allein an der Haltung der Menschen lässt sich erkennen, ob sie richtig atmen. In meiner Zeit als Lehrerin konnte ich beobachten, dass viele Kinder mit gekrümmtem Rücken und nach vorne gezogenen Schultern auf ihrem Stuhl sitzen. Auch beim Gehen kann man diese schlechte Haltung bei vielen Menschen bemerken. Diese falsche Körperhaltung begünstigt bereits eine flache Atmung. Genau wie unsere Haltung, so hat auch unser Atem eine direkte Auswirkung auf unser Selbstbewusstsein, unsere Selbstwahrnehmung.

Auf die Ernährung wird in den letzten Jahren immer mehr Augenmerk gerichtet. Doch ist tiefes Atmen mindestens genauso wichtig, wenn nicht sogar von noch größerer Bedeutung für unser Wohlergehen. Kann man doch bei normalem Körpergewicht durchaus eine Zeit ohne zu essen und auch ohne Flüssigkeitsaufnahme überleben, gelingt dies ohne Atem dagegen nur wenige Minuten.

Eine richtige tiefe Atmung beeinflusst so vieles in unserem Körper. Wir laden uns mit neuer Energie voll, füllen unsere Zellen mit Leben, erfrischen unseren Geist und stärken unser seelisches Gleichgewicht. Achten wir auf unseren Atem, verhilft er uns, ganz bei uns anzukommen. Nicht zufällig bildet der Atem bei der Meditation das Vehikel, um alle äußeren Ablenkungen sowie auch unsere Gedanken zum Schweigen zu bringen. Er verbindet uns direkt mit dem Leben und allem Lebendigen um uns herum und katapultiert unser Bewusstsein auf eine neue Ebene.

Die Praxis

Frau mit Händen auf dem Bauch, um Atmung  zu kontrollieren
Die Hände auf den Bauch legen und die Bewegung spüren
Foto: Andrea Warnecke/dpa-tmn/dpa

Um deinem Atem mehr Aufmerksamkeit zu schenken, beginne mit dem Bewussten Atmen:
Die Stellung dazu ist vollkommen egal: Du kannst es z.B. auch im Gehen praktizieren. Denke dabei an jeden Atemzug. Atme bewusst ein und aus, bei JEDEM Atemzug. Greife nicht in den Atem ein, sondern beobachte ihn nur. Du kannst deine Hände dabei auf den Bauch legen und fühlen, wie sich der Bauch wölbt und wieder einzieht. Du kannst auch fühlen, wie der Luftstrom in die Nase ein- und wieder ausströmt.
Dabei stellst du wahrscheinlich fest, wie schwer es ist, die Konzentration auf den Atem zu halten. Ständig wollen die Gedanken wieder abschweifen. Sei geduldig mit dir und verurteile dich nicht dafür. Nimm den Gedanken wahr und lass ihn sofort wieder ziehen. Kehre immer wieder zu deinem Atem zurück.
Du wirst merken, dass du ruhiger und ausgeglichener wirst. So kann diese Übung auch sehr gut beim Einschlafen helfen.

Erhalte regelmäßig Atemübungen

Dies ist nur ein winziger Ausblick auf eine Vielzahl von Atemübungen, die ganz unterschiedliche Auswirkungen haben. Sie können dich wie das bewusste Atmen beruhigen, aber auch anregende Wirkung entfalten und dich erfrischen. Du kannst Schmerzen wegatmen, deine Verdauung anregen, deine Stimmung aufhellen und vieles mehr.

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Magst du mehr lesen?

Gut zum Thema passt mein Blogartikel zum Waldbaden. Auch dort findest du einige Atemübungen vorgestellt.

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